JOANNIS STEFANIDIS, BELLETRISTIK-ÜBERSETZER

Übersetzte Bücher - Auswahl

Willkommen auf meiner Website!

Sie finden hier eine Auswahl meiner Übersetzungen in den Bereichen Thriller/ Fantasy/ Jugend- und Sachbuch, dazu eigene Texte und einen Blog mit News aus meiner Schreibwerkstatt.

Joannis Stefanidis

Joannis Stefanidis - Übersetzen - Schreiben - Lesen

Aufgewachsen in Berlin, Omaha (Nebraska) und New York City.

Studium American Literature an der Columbia University, NYC; Literaturgeschichte an der Humboldt-Universität; Politische Wissenschaft an der FU-Berlin (diplomiert).

Redakteur bei n-tv, Dolmetscher beim Literaturfestival Berlin. Weltreisender. Vater. Autor.

Blog

Winslow

Die Übersetzung der Geschichten „Paradise“ und „Caged“ in BROKEN, dem neuen Buch von Don Winslow, ist abgeschlossen. Erscheint am 24. März 2020 bei HarperCollins.

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Übersetzungen

Joannis Stefanidis - Übersetzungen, Auswahl

THRILLER

Don Winslow: Broken („Paradise“ & „Caged“), HarperCollins 2020
David Albertyn: Zeit der Vergeltung, HarperCollins 2019
Max Manning: Böse Opfer, HarperCollins 2019
Max Manning: Böse Bilder, HarperCollins 2018
Valerie Geary: Alles, was wir verloren haben, HarperCollins 2018
Peter Spiegelman: Dr. Knox, HarperCollins 2018
LS Hawker: Aus nächster Nähe, HarperCollins 2017
LS Hawker: Grausames Erbe, HarperCollins 2017
Valerie Geary: Das Schweigen der Bienen, HarperCollins 2015
Barry Lancet: Japantown, Heyne 2014
Jack Ketchum: Lost, Heyne Hardcore 2012
Jack Ketchum: Beutegier, Heyne Hardcore 2009
Jack Ketchum: Blutrot, Heyne Hardcore 2008
Whitley Strieber: Der Kuss des Vampirs, Goldmann 2002
Jonathan Stone: Bittere Wahrheit, Blanvalet 2001
Jonathan Stone: Kaltes Gewissen, Blanvalet 2001
Mark Canter: Sonnentochter, Blanvalet 2000
Aaron Conners: Das Luzifer-Projekt, Goldmann 1997
Aaron Conners: Die Pandora-Direktive, Goldmann 1996
F. Paul Wilson: Twins – Schritte ohne Spur, Goldmann 1996
Eric van Lustbader: Okami: ein Nicholas-Linnear-Roman, Heyne 1995

FANTASY

Christopher Paolini: Eragon 1 – Das Vermächtnis der Drachenreiter, cbj 2004
Christopher Paolini: Eragon 2 – Der Auftrag des Ältesten, cbj 2005
Christopher Paolini: Eragon 3 – Die Weisheit des Feuers, cbj 2008
Mark Chadbourn: Weltenend, Blanvalet 2011
Mark Chadbourn: Die Jäger von Avalon, Blanvalet 2007
Mark Chadbourn: Haus der Pein, Blanvalet 2006
Mark Chadbourn: Die Rückkehr der Tempelritter, Blanvalet 2005
Mark Chadbourn: Im Angesicht der Götter, Blanvalet 2004
Mark Chadbourn: Der Zyklop, Blanvalet 2003
Mark Chadbourn: Im Anbruch der Finsternis, Blanvalet 2002
R.A. Salvatore: Das brennende Herz, Blanvalet 2001
R.A. Salvatore: Der ewige Fluch, Blanvalet 2001
Joanne Bertin: Der letzte Drachenlord, Knaur 1999

JUGENDBUCH

Royce Buckingham: Fiese Finsterlinge, Blanvalet 2014
Royce Buckingham: Garstige Gnome, Penhaligon 2010
Royce Buckingham: Dämliche Dämonen, Blanvalet 2009
Royce Buckingham: Mürrische Monster, Blanvalet 2009
Jay Amory: Die Welt in den Wolken, Blanvalet 2009
Sam Enthoven: Black Tattoo, Blanvalet 2008

SACHBUCH

Michael Finkel: Der Ruf der Stille, Goldmann 2019
Salman Khan: Die Khan-Academy, Riemann 2013
Kalle Lasn: No More Bullshit – Die Zukunfts-Werkstatt für die 99 Prozent, Riemann 2012
Sherry Turkle: Verloren unter 100 Freunden, Riemann 2012
McKay, Davis, Fanning: Botschaften – Optimale Kommunikation in allen Lebenslagen, Goldmann 2011

Holy Freaks

Holy Freaks: Oder wie Shiva mir die Braut ausspannte

ISBN-10: 3426788195
ISBN-13: 978-3426788196










Storys

Hier gibt es in loser Folge Lesestoff. Den Anfang macht GEGEN DEN WIND, eine Geschichte über Herbert Schmidt, den Frisbeeman. Danach eine Art Nachruf auf einen der wüstesten Zeitgenossen Berlins ever: SPREE-BUKOWSKI

GEGEN DEN WIND

Im Juni 2019

frisbieman

Andere gehen zum Therapeuten, er lässt den Frisbee tanzen. „Wenn die Scheibe losfliegt, fliege ich mit, dann bin ich frei“, erzählt Herbert „Frisbeeman“ Schmidt und lässt keinen Zweifel, dass er meint, was er sagt.

Es ist der erste richtige Sommertag im Görli. Keine Wolke am Himmel, krachende Hitze. Das weite Rund in der Parkmitte – die Arena – ist dicht bevölkert. Locals, Touris, Rastas, Arabs, Schwarze, Gelbe, hier hängen sie ab, die Gechillten dieser Stadt. Irgendwer trommelt auf einer Bongo, ein anderer klampft vor sich hin. Marihuana-Schwaden wabern.

Herbert mit seinem orangen Frisbee steht weiter unten, dort, wo der schmale Asphaltweg die Kuhle in zwei Hälften durchschneidet. Geschmeidig biegt er den Oberkörper nach hinten und lässt in einer fließenden Bewegung den rechten Arm vorschnellen. Dann, mit einem letzten Ruck aus dem Handgelenk, schickt er die Plastikscheibe auf die Reise. Seine Mitspieler stehen weit entfernt, inmitten der Leute am Hang. Es ist keine Anfängerveranstaltung, das hier ist die Freiluftbühne der Frisbeefreaks, ihr Amphitheater. Und Herbert ist der Chef-Stratege, der, der die Blicke auf sich zieht mit seiner angegrauten Mähne und dem Asketenbody. Sehnig, straffe Muskeln, kein Gramm Fett. Ein Charismatiker mit Indianer-Aura, 64 Jahre jung.

Gebannt verfolgen die Leute den Flug der runden Scheibe. Wie ein Ufo um sich selbst kreisend, steigt sie der Sonne entgegen, scheinbar unaufhaltsam. Fliegt und fliegt und fliegt. Senkt sich plötzlich in einer eleganten Kurve herab und landet auf der anderen Seite der Kuhle in den Händen eines Kollegen, 60, 70, 80 Meter entfernt. Ihre Flugbahn präzise justiert mit einem Ruck aus dem Handgelenk.

So geht es Stunde um Stunde, Tag für Tag. Jeden Tag. Herbert ist eine Institution im Görli. Er ist immer da, bei Wind und Wetter, seit über 30 Jahren. Genauer, seit 1987, als der Park noch eine Müllhalde war, ein verfallendes Areal im vergessenen West-Berliner Kreuzberg. Meist spielt er mit Freunden, Stefan, Cotton, Henrik. Und wenn von denen keiner da ist, findet sich schon jemand anderes. Falls nicht, jongliert er allein mit der Scheibe.

Auf der anderen Straßenseite setzen wir uns unter die Markise eines Restaurants. Endlich Schatten. Die Getränke kommen. Herbert stürzt die Hälfte seines Spezis runter. Sein hageres Gesicht sieht aus, als bestünde es aus straff gespanntem Leder, die Sonnenbrille nimmt er nicht ab.

„Ich wurde im Knast geboren, in Nürnberg“, beginnt er locker zu erzählen, als wäre so eine Gefängnisgeburt nicht ungewöhnlicher als eine im Kreissaal. Seine Stimme ist weich und wohlklingend. Auch nach über 30 Jahren in Berlin hört man noch ihren süddeutschen Einschlag. „Meine Mutter saß mal wieder eine Haftstrafe ab, als sie mich zur Welt brachte. Schlechtes Timing. Heute würde man sagen, sie hatte eine Art kleptomanische Erkrankung. Aufgewachsen bin ich dann nicht bei ihr, sondern in verschiedenen Heimen. Mein Vater war GI und lebte wieder in den USA. Ich hab nie von ihm gehört und von den Ämtern erhielt ich keine Auskunft.“

Ich kenne Herbert seit Jahren vom Sehen. Ab und zu, wenn wir zufällig vorbeikommen, spielt mein Sohn mit ihm Frisbee. Groß geredet haben wir nie, nur ein bisschen Smalltalk. Neulich dann erzählte ich ihm, dass ich gern über ihn schreiben würde. Und nun sitzen wir hier, zwischen uns mein Handy im Diktiergerätmodus, und plötzlich macht mich seine Offenheit befangen. Auf so eine Geschichte war ich nicht gefasst.

Herbert lässt mir keine Zeit zum Nachdenken. Er erzählt einfach weiter.

Nach einer Schlosserlehre ging er nach München, wo es ihm schnell zu eng wurde, zu spießig, schon damals zu teuer. Alle Welt habe von West-Berlin geredet, freies Leben, Hausbesetzer, Berlinzulage. Also kam er her, direkt nach Kreuzberg. Seit ’86 wohnt er gleich ums Eck. Gearbeitet hat er eigentlich immer, ein Job reihte sich an den nächsten. Irgendwann nahm er im Görli den Frisbee in die Hand und der Rest ist Geschichte. Seine Ex-Freundin Angelika sei heute seine wichtigste Stütze, erklärt er. Die kleine Rente, die er inzwischen bekommt, reiche ihm. Eine Familie hat er nie gegründet, es habe wohl nicht sein sollen. Vielleicht liegt es an seiner beschissenen Kindheit, erzählt er. Das Ganze beschäftige ihn bis heute.

Ist der Frisbee ein Therapiewerkzeug?

Als ich ihm die Frage stelle, zögert Herbert. „Du meinst wegen meiner Vergangenheit? Ob mir das Frisbeespielen hilft, mit ihr umzugehen?“ Er nickt langsam, seine langen Locken geraten in Bewegung. „Stimmt schon, mit dem Frisbee in der Hand höre ich auf zu grübeln. Wenn die Scheibe losfliegt, fliege ich mit, dann bin ich frei.“

Am Ende spreche ich ihn auf seinen drahtigen Körper an und zum ersten Mal überhaupt sehe ich Herbert lächeln. „Na ja, ein paar Zipperlein hab ich schon. Irgendwann hat meine Schulter nicht mehr mitgemacht. Ich musste meine Wurftechnik umstellen. Seitdem werfe ich weniger aus dem Rücken und der Schulter, sondern vor allem aus dem Handgelenk. Und immer gegen den Wind. Das finde ich reizvoller.“

Herbert mustert mich hinter seiner Sonnenbrille. Plötzlich wirkt er unruhig. „Sind wir jetzt fertig?“, fragt er leise, beinahe hoffnungsvoll.

Nun bin ich derjenige, der lächelt. Ich nicke. Wir reichen uns die Hand. Er muss zurück in den Park.
Irgendwo im Gras wartet sein Frisbee.

JS

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SPREE-BUKOWSKI

Angeblich kiffte er mit Hendrix, kokste mit Fassbinder. Im Berlin der 70er schlug er einen Menschen tot und landete im Knast. Dort teilte er – angeblich – eine Zelle mit dem legendären Fritz Teufel. Später wurde „Mörderhotte“ Star des Obdachlosentheaters „Ratten 07“ und Szenegröße in der Kreuzberger Kneipenwelt. Manche nannten ihn Spree-Bukowski. Nicht nur weil er so aussah, sondern auch weil er sprach wie der kalifornische Gossenautor schrieb. In die Kneipe ging er, um „den Wüstenbrand zu löschen“, frei nach dem Motto, „in der Kehle die Wüste Gobi und im Bett die wüste Gabi.“

Ich lernte Horst „Hotte“ Schreiber um die Jahrtausendwende im Madonna kennen, ließ mich bereitwillig von ihm anschnorren, bzw. lud ihn zu endlosen Drinks ein. So wie wir es alle taten in den Bars rund um die Wienerstraße. Wir hingen an seinen Lippen und ließen es uns was kosten.

Hotte war ein Charmebolzen, einer, der den Raum mit seiner Präsenz erfüllte, egal, wie sehr er stank, egal wie besoffen er war. In den letzten zehn Jahren seines Lebens war er obdachlos, dabei hochintelligent, ein vom Weg Abgekommener, dem Suff Verfallener. Anders lässt es sich nicht beschreiben. Die Frauen fanden ihn toll, die Männer standen auf seinen urzeitlichen Habitus. Ihm gab man gerne einen aus. Oder zwei. Oder drei. Immer. Jederzeit. Abend für Abend.

AUGE IN AUGE

Irgendwann, da kannten wir uns schon eine Weile, saßen wir nachmittags vor der Madonna Bar. Wir hatten uns verabredet, denn ich wollte mehr über diesen Mann erfahren, der aussah wie eine Naturgewalt und redete wie ein Berserker mit Literaturdiplom. Am Finger trug er einen Totenkopfring, am Arm eine Tätowierung mit Schlange und Schwert. Muskelberge spannten sein T-Shirt. Halblanges graues Haar, nach hinten gekämmt, im Nacken kräuselte es sich. Sein Gesicht eine Ur-Landschaft: Hügel und Krater, Furchen und Verwerfungen, die Augen zwei dunkle Seen. Sie blickten mich durchdringend an. „Schalt ein das Teil“, sagte er und deutete auf das Diktiergerät, das zwischen uns auf dem Tisch lag. Ich tat wie geheißen. Hotte nahm einen Schluck aus der Bierpulle und begann zu erzählen von Tod und Teufel, die eines nachts seinen Weg kreuzten.

DER KNACKPUNKT

„Ja, wie war das damals? Ich kam morgens aus der Kneipe, im Wedding, wie ein Gläubiger aus der Kirche. Es war arschkalt, ich war sternhagelvoll und wollte nur nach Hause. Hundert Meter hatte ich es zu meiner Wohnung. Auf halbem Weg kamen mir Rudi und Trautmann entgegen. Als sie mich erreichten, hat Rudi mich nach Feuer gefragt. Klar doch, hab ich gesagt. Dann riss Trautmann plötzlich das Knie hoch und wollte’s mir in die Eier rammen. Keine Ahnung, warum er das machte. Ich dachte, er wollte mir meine Dreifuffzich klauen und hab mich gewehrt. Hab mich schnell weggedreht, ihn bei den Haaren gepackt und seinen Kopf gegen die Hauswand geklatscht. Viermal habe ich ihm das Gesicht über den Rauputz gezogen.“

Hotte verstummt. Eine Feuerwehr rast mit heulender Sirene die Wienerstraße runter. Es scheint zu passen. Unterdessen beginnt er, sich eine Zigarette zu drehen. Ich starre auf seine enormen Pranken. Sie sind voller Narben und Schwielen, die Nägel bis zum Bett eingerissen. Umso erstaunlicher ist, mit welch filigranen Bewegungen er den Tabak auf dem Blättchen verteilt und wie geschickt er es eindreht. Das Feuerzeug flammt auf, das Zigarettenende erglüht. Hotte nimmt einen tiefen Zug, und als er weiterspricht, während in der Ferne die Sirene verklingt, quillt ihm Rauch aus dem Mund.

Hotte, h.l., um 2000

„Trautmann lag in einer riesigen Blutlache. Nase, Lippen, Augenbrauen, alles war weg. Irgendwo ganz hinten in meinem Schädel hab ich kapiert, dass was Schlimmes passiert ist. Aber ich hab mich einfach umgedreht und bin nach Hause gewankt. Erstmal den Rausch ausschlafen. Irgendwann hat es an der Tür geklingelt. Zuerst hab ich nicht aufgemacht, war ja viel zu blau. Aber dann hab ich doch aufgemacht. Zwei Polizisten standen da und meinten, ich soll mitkommen. Als ich vor dem Schnellrichter stand, wusste der dann schon, dass ich mal geboxt hatte. Muss Rudi ihm gesteckt haben. Es hieß, ich sei grundlos auf Trautmann losgegangen. Zwei Wochen später ist er im Krankenhaus gestorben.“

AUF EINEN JOINT MIT JIMI

1953 im Westberliner Wedding geboren, wächst Horst Schreiber zum hochbegabten Gymnasiasten heran. 1969 geht er als einer der ersten deutschen Austauschschüler in die USA. Gleich nach seiner Ankunft an der Ostküste schleppen seine Gasteltern ihn nach Woodstock, wo er eigenen Angaben zufolge mit Jimi Hendrix eine fette Tüte raucht. Er lernt perfekt Englisch, ist der beste Schüler an der High School. Nach seiner Rückkehr Abitur, wilde Partys in Wedding, die erste eigene Wohnung, Alkoholabstürze. Er will Chemie studieren oder Wirtschaftsjurist werden. Doch die Dinge fliegen ihm nicht mehr so zu wie früher. Disziplin bleibt ein Fremdwort. Dann der Vorfall mit Trautmann. Der Knackpunkt.

„In U-Haft blieb mir viel Zeit zum Grübeln“, fährt Hotte fort. „Die Zelle hab ich mir mit Fritz Teufel geteilt. Kennste den?“

Ich nicke. „Nicht persönlich. Aber das war doch der Typ, der bei der Entführung von Peter Lorenz mitgemacht haben soll, oder?“

„Genau der. Lustiger Kollege, der Fritz. Na ja, jedenfalls wusste ich nicht, was nun werden sollte. Ich wollte doch zur Uni. Bei der Verhandlung vier Monate später hat der Staatsanwalt
Rund-um-die-Uhr gefordert. Da bin ich aufgesprungen und hab ihn angebrüllt: ‚Du arschgefickter Hoteldiener! Ich bin kein Mörder! Ich war besoffen und hab mich mich nur verteidigt.’“

Hottes Augen fixieren mich. Etwas Eigenartiges liegt in seinem Blick. Ich rutsche auf meinem Platz herum. Bin mir meiner Gefühle nicht sicher. Ist Hotte ein Mörder? Ein Totschläger? Musste er Trautmann gleich den Schädel zermatschen? Aus Notwehr?

Ich weiß es nicht. Dies wäre der Moment gewesen, Hotte zu fragen, ob es ihm leid tue. Ob er um das von ihm genommene Leben trauere. Aus irgendeinem Grund lasse ich es bleiben.

„Ich bekam zehn Jahre“, fährt er fort. „’75 bis ’85. Teufel blieb in U-Haft, ich wurde verlegt und dann ging die Zeit ins Land. In meiner Zelle hab ich mir eine kleine Buchsammlung angelegt, Castaneda und Bukowski und allen möglichen Scheiß. Ohne den Lesestoff wär‘ ich ausgeflippt vor Langeweile.“

Ich räuspere mich. „Hattest du eigentlich eine Freundin, als du in den Knast kamst?“

Seine Augen funkeln.

„Ich dachte, ich hatte eine. Susanne. Aber ich hab nix mehr von ihr gehört. So richtig meine Freundin ist sie ja nie gewesen, hab ich mir eingeredet. Irgendwann rief ich aber doch mal bei ihr an. Beim Knastpfarrer durfte man telefonieren. Hier gibt ’s keine Susanne, hat mir eine fremde Frauenstimme erzählt. Wo die Vormieterin hingezogen ist, wusste sie nicht.“

Fünfeinhalb Jahre musste Hotte absitzen, im März 1980 kam er raus. Sofort fand er einen Job als Beleuchter beim Film, wirkte kurz bei den Dreharbeiten von Fassbinders „Berlin Alexanderplatz“ mit. Am Ende habe Fassbinder ihn zum Koksen nach München eingeladen, erzählte Hotte, als die Batterien im Diktiergerät längst ihren Geist aufgegeben hatten. Auf meine Nachfrage, ob er dann tatsächlich zu Fassbinder gefahren sei, nickte er beleidigt. Ich glaubte es ihm einfach mal. Die Hendrix-Story wollte ich auch glauben. Weitere Jobs folgten, Kneipenwirt, Heizer bei der Reichsbahn, Gerüstbauer. Irgendwann erfuhr er, dass er Vater geworden war, doch die Mutter seines Kindes habe nichts von ihm wissen wollen. Seine Tochter sah er kaum. Dann der Absturz: obdachlos. Was ihn auf den Beinen hielt war seine Arbeit als Schauspieler am Obdachlosentheater „Ratten 07“, das zur Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz gehörte. Hottes Paraderolle war die des Merkl Franz in Horváths „Kasimir und Karoline“. Die taz brachte seinerzeit einen bemerkenswerten Artikel über die Inszenierung.

Es war die Zeit, als ich Hotte kennenlernte. Irgendwann machte das Theater dicht und Hotte machte auch dicht. Aus den Kneipen zog er sich zunehmend zurück, vielleicht hatten die Leute genug von seinen Geschichten, waren nicht mehr gewillt, ihn ständig einzuladen, hatten die Nase – buchstäblich – voll von seinem Gestank. Der immer schlimmer wurde. Ich bekam ihn nur noch selten zu sehen, ging viel auf Reisen, verlor ihn aus den Augen. Im Herbst 2006 dann machte die Nachricht die Runde, dass Hotte gestorben sei. Er wurde 53 Jahre alt.

Hier zwei weitere Fotos von Horst Schreiber.

JS, Mai 2019

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